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Mitte des 18. Jahrhunderts machte Reverend Edward Stone im englischen Oxfordshire einen sommerlichen Spaziergang. Er ruhte sich unter einigen jungen Weiden am Ufer eines Baches aus. Er brach ein Stück Weidenrinde ab und kaute darauf herum. Sie schmeckte ähnlich bitter wie die Rinde des peruanischen Chinabaums, mit der fieberhafte Erkrankungen behandelt wurden. Reverend Stone fragte sich, ob die Weidenrinde möglicherweise ein Heilmittel für die in dieser Gegend häufig auftretenden rheumatischen Fieberkrankheiten sein könnte.

Stone verfolgte diesen Gedanken mit wissenschaftlichem Eifer. Er trocknete die Weidenrinde, zermahlte sie, testete verschiedene Dosierungen bei von Fieberschüben geplagten Gemeindemitgliedern. Nach 5 Jahren mit insgesamt 50 Probanden unter sorgfältiger Dokumentation war er sicher, ein einheimisches Mittel gegen Fieber und Schüttelfrost gefunden zu haben.

1763 schrieb er an die Royal Society of London und berichtete über seine Erkenntnisse.  

Auch andere experimentierten mit der Rinde der Silberweide. 1838 stellte der italienische Chemiker Raffaele Piria erstmals aus dem Wirkstoff der Rinde (Salicin) Salicylsäure her. Sie fand breite Anwendung, machte allerdings Probleme durch teilweise heftige Magenreizungen. Dieses Problem wurde 1853 von Charles Frederic Gerhard nahezu gelöst: er fügte der Salicylsäure eine Acetylgruppe zu. Kurze Zeit später stellte auch Felix Hoffmann, der bei Bayer arbeitete, diese Verbindung her. Heinrich Dreser war zu dieser Zeit für die Erprobung neu entwickelter Medikamente bei Bayer zuständig. Er meinte, ASS „schwäche das Herz“. 

Arthur Eichengrün, Leiter der Pharmakologie bei Bayer, ließ sich nicht beirren und testete das Mittel im Selbstversuch und anschließend in einer „diskreten“ Testreihe: er schickte das ASS an den Bayervertreter in Berlin, der es an verschiedene Ärzte und Zahnärzte in der Stadt verteilte. Die Berichte über die Wirkung waren euphorisch! 

1899 kommt die Acetylsalicylsäure unter dem Namen „Aspirin“ auf den Markt. Aspirin ist das weltweit am häufigsten verwendete Medikament! Ein kleiner Vorrat befindet sich in jeder NASA-Raumfähre! ASS wird seit 1977 auf der Liste der unentbehrlichen Arzneimittel der WHO aufgeführt. Es wird heute komplett synthetisch hergestellt. 

Dieses hochwirksame und lebensrettende Medikament wäre nie auf den Markt gekommen, wären Tierversuche damals schon die Standardmethode zur Risikobewertung neuer Arzneimittel gewesen. Die Substanz führt nämlich bei Katze, Hund, Affe, Maus, Kaninchen und Ratte zu embryonalen Fehlbildungen! 

3.9.2019
Katharina Feuerlein, Ärztin

Quellen

Dobson M: Die Geschichte der Medizin, National Geographic History 2013; Band 373: S. 176/177
Hartung T: Per aspirin ad astra; ATLA 2009; 37: 45-47